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SWR-Produktion ist Hörspiel des Jahres 2007

Deutsche Akademie der Darstellenden Künste wählt "Raoul Tranchierers Bemerkungen über die Stille" von Ror Wolf zur besten ARD-Neuproduktion 2007 / Verleihung am 6. April in Frankfurt

Frankfurt/Baden-Baden. Das SWR-Hörspiel "Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille" von Ror Wolf, zum Klingen gebracht von Thomas Gerwin, ist zum Hörspiel des Jahres 2007 gewählt worden. Damit hat die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste zum zweiten Mal in Folge eine SWR-Produktion als beste ARD-Neuproduktion des Jahres ausgezeichnet. Thomas Gerwins 55-minütige Hörspielfassung, die bereits Hörspiel des Monats Juli 2007 war, basiert auf dem gleichnamigen abschließenden Prosaband, mit dem Ror Wolf im Jahr 2005 seine 1983 begonnene sechsbändige "Enzyklopädie für unerschrockene Leser" abgeschlossen hat. Die Ursendung war am 3. Juli 2007 in SWR2 zum Abschluss einer mehrteiligen Hommage zum 75. Geburtstag von Ror Wolf. Die Preisverleihung mit öffentlicher Vorführung des Preiswerks findet am Sonntag, 6. April 2008, ab 19 Uhr im Literaturhaus Frankfurt statt.

Die unabhängige Fachjury für das Hörspiel des Jahres 2007, der Raimar Eberhard, Klaus Behringer und Christoph Schreiner angehörten, begründete ihre Entscheidung folgendermaßen:

"Ror Wolf ist ein Hieronymus Bosch des Erzählens und das Tranchirer-Lexikon sein "Garten der Lüste". Ein Nachschlagewerk aus lauter Literatur in Wolfs eigenwillig-phantastischem Stil zum Klingen zu bringen, ist Thomas Gerwins Verdienst. Er hat Kurztexte aus Ror Wolfs Band "Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille" zu einer akustischen Besichtigung komponiert - einem Museumsspaziergang von einer grotesken Installation zur nächsten. Intermittierende Gitarrenklänge geleiten uns von Figurengruppe zu Figurengruppe. Gerwins Klang-Konglomerate aus Blubbern und Brummen, Rascheln und Raunen, Wabern und Wummern kontrapunktieren lautmalerisch die Auflösungsprozesse in Wolfs Texten. Die Geräusche verhalten sich zur Schallatmo der Wirklichkeit wie Tranchirers Lexikonartikel zur Realität: abstrahiert, verflüssigend, piktogrammatisch. Die Besetzung des großartigen Horst Sachtleben in der Rolle des Hauptsprechers schafft hier stimmlich die richtige Atmosphäre.

Der Textstil entspringt bildungsbürgerlichen Konversationslexika oder Haushalts-Ratgebern vom Ende des 19. Jahrhunderts, also aus einer Homo-Faber-Zeit, in der man den aufklärerischen Weg noch sicher beschritt, optimistisch auf wissenschaftliche Totalerklärung der Welt zu. Gerade die populäre Ausprägung dieser Gelehrsamkeit untergräbt und dekonstruiert Wolf, er reißt die Folie des Lexikalischen auf, lässt die Einzelteile wie ein zerrupftes Beutestück seiner Gedanken einfach liegen, unterbricht den dozierenden Duktus, und aus allen Ritzen quillt hervor: das Unheimliche.

Ror Wolf, ein Eigensinniger der experimentellen Literatur, versteht wie kein anderer, den Rezipienten erst durch Welterklärung in der Pose bürgerlicher und akademischer Rechtschaffenheit in Sicherheit zu wiegen, ihm dann jedoch die geschlossenen Handlungsräume und die Konsequenz der Logik zu verweigern, seinen Wirklichkeitsbegriff zu torpedieren und ihn diesen Verlust gar als Lustgewinn empfinden zu lassen.

In der leichthändig gelungenen Umsetzung dieser Methode liegt die auszeichnende Qualität dieses Hörspiels, eines Inhalts-Nullsummenspiels: Am Ende der ironischen Dekonstruktion (Wolf versteht sie gern als Abbruch) und bei letztlicher Betrachtung der Weltverhältnisse bleibt immer das Nichts. Das Verfahren hat durchaus komische Züge. Der Hörer ist verstört, wenn Wolf ihm die Realität unter den Füßen entreißt und verdeutlicht, daß die Welt nur aus Nichts und Text besteht."

SWR-Hörspielchef Ekkehard Skoruppa: "Dass die Auszeichnung "Hörspiel des Jahres" zweimal in Folge an eine SWR-Produktion geht, belegt eindrucksvoll, dass unsere Hörspiele zum Besten gehören, was in der ARD zu hören ist. Die wiederholte Auszeichnung bestätigt uns auch darin, nach Möglichkeit eng mit zeitgenössischen Autoren zusammenzuarbeiten und ist uns so zugleich Ansporn für viele weitere künstlerisch anspruchsvolle Hörspielproduktionen."

Ror Wolf, geboren am 29. Juni 1932 in Saalfeld, Thüringen zählt zu den bedeutenden deutschen Gegenwartsautoren. Nach Gelegenheitsarbeiten als Bauarbeiter übersiedelte er 1953 nach West-Berlin und studierte ab 1954 Literatur, Soziologie und Philosophie in Hamburg und Frankfurt. Von 1961-1963 arbeitete er als Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk, seit 1963 ist er als freier Schriftsteller tätig und hat neben Prosa und Lyrik auch zahlreiche Hörspiele geschrieben. Einem größeren Publikum wurde Wolf durch seine Fußball-Collagen bekannt, die zwischen 1973 und 1979 entstanden sind. Das Hörspiel "Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika" wurde 1988 mit dem "Hörspielpreis der Kriegsblinden" ausgezeichnet. Zu seinen zahlreichen weiteren Auszeichnungen gehören der Frankfurter Hörspielpreis (1992), der Staatspreis des Landes Rheinland-Pfalz (1997), der Große Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (2003) und der Kasseler Literaturpreis (2004). Wolf ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland und seit 1989 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache. Seit 1990 lebt und arbeitet er in Mainz.

Thomas Gerwin, geboren 1955 in Kassel, ist klassisch ausgebildeter Komponist und Klangkünstler. Seit 1990 arbeitet er intensiv im Bereich Soundscape Composition und radiophone Kunst und kreiert Klang- und Video-Installationen (u. a. die interaktive "KlangWeltKarte" im ZKM Karlsruhe) sowie Klangskulpturen und -landschaften (u. a. den EU-Pavillon auf der EXPO2000). Für den SWR hat er mehrere Produktionen in 5.1-Mehrkanalton und Stereo produziert, u. a. "Der Ausbruch des Vesuvs und andere 'Unverständliche Geschichten' von Alfred Döblin" (2002) und "Fünf Radio-Installationen" (2004). Gerwin, dessen Werke weltweit aufgeführt und ausgestellt werden, wurde mit verschiedenen internationalen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, zuletzt im April 2007 mit dem "Hörspielpreis der Akademie der Künste" für die Musik zu "Ponderabilien" von Stephan Krass (SWR 2006).

Das "Hörspiel des Monats" wird seit 1977 von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste aus dem Ursende-Angebot der ARD-Rundfunksender ermittelt. Über die Entscheidung befindet eine unabhängige Fachjury. Zum Jahresende wird aus den zwölf ausgezeichneten Hörspielen des Monats ein "Hörspiel des Jahres" gewählt.

Hörspiel des Jahres 2007

"Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille" von Ror Wolf,
zum Klingen gebracht von Thomas Gerwin
Sprecher: Horst Sachtleben, Bijan Zamani, Nadine Kettler
Ton: Johanna Fegert, Schnitt: Regine Schneider
Regieassistenz: Constanze Renner
Hörspieleinrichtung, Komposition und Regie: Thomas Gerwin
Dramaturgie: Hans Burkhard Schlichting
Produktion: SWR 2007

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