Thomas Gerwin

HYMNUS (2002)

für Blockflöten, Posaune, Violoncello, Schlagwerk und Live-Elektronik
Es spielt das "Ensemble Aventure" Freiburg mit Annette Hartenstein (Blockflöten), Thomas Wagner (Posaune), Alexander Scheirle (Viloncello) und Victoria Ifrim (Schlagwerk) + Thomas Gerwin (Live-Elektronik)

Das Konzert wird vom Komponisten live auf einem "Lautsprecher-Orchester" interpretiert


Die Grundidee für die Schaffung dieser intermedialen Komposition ist die Frage, wie aus heterogensten Teilen eine Einheit oder zumindest ein aufeinander Bezug nehmendes, funktionierendes Ganzes entstehen kann.

Der Ausgangspunkt völlig unterschiedlicher Positionen, Charaktere und Gruppen wird schon deutlich in der außergewöhnlichen Besetzung dieses Stückes. Jedes mitwirkende Instrument gehört nicht nur einer anderen Instrumentenfamilie an (Holz-, Blech-, Saiten- und Fellinstrument plus Elektronik), sondern repräsentiert auch eine jeweils völlig unterschiedliche Klangwelt und stilistische Geschichte. Die Blockflöte ist ein sehr leises und intimes Instrument, sie ist in der Kammermusik zuhause und wurde besonders in älterer Musik gebraucht. Die Posaune ist ein sehr kraftvolles Instrument, welches sowohl im großen Orchester wie in der Jazz-Big-Band zuhause ist; in neuerer Zeit gibt es ein paar wenige Solo-Virtuosen. Das Violoncello ist außer im Generalbaß-Ensemble und im klassischen Orchester vor allem im Streichquartett hervorgetreten, welches bis heute die reinste musikalische Form, sozusagen "die hohe Schule" der Komposition repräsentiert. Im Schlagwerk möchte ich hauptsächlich archaische und außereuropäische Schlaginstrumente zum Einsatz bringen, also einerseits die Klangwelt des wahrscheinlich ältesten musikalischen Instrumentariums der Menschheit, als auch ein wenig Exotik ins Spiel bringen. Die Live-Elektronik schließlich repräsentiert technologische Fortschrittlichkeit und Innovation und ermöglicht durch den Einsatz modernster Technik neue Klangerlebnisse, wie die räumliche Bewegung und die völlig freie Entstehung und Verwandlung des Klangs.

Jedes Instrument bedient sich einer eigenen, exklusiv für diese Komposition neu konstruierten Tonleiter, die durch numerologische Operationen aus den Instrumentennamen unter Einbeziehung eines bestimmten Rechenfaktors für das Wort "Baden-Württemberg" erzeugt wurden. Diese Tonleitern sind sonst nirgendwo gebräuchlich oder auch nur bekannt und erzeugen eine ganz bestimmte, schwebende Atmosphäre für dieses Werk. Die gesamte Komposition kommt ohne den Kammerton A aus, da er als einziger Ton in keiner der Tonleitern vorkommt. Der taucht erst im allerletzten Schlußklang auf und komplettiert so das durchgeführte Material zusammen mit dem Klang einer "sprechenden Trommel".

Die Komposition besteht aus vier Teilen. Die Dauer beträgt ca. 14:30 Minuten.

Das Interessanteste in der kompositorischen Textur des Werkes ist dabei für mich der Umgang mit Heterogenität sowohl aus inhaltlicher, als auch struktureller und material-immanenter Sicht - wie die einzelnen Charaktere und Temperamente aufeinander eingehen, evtl. gar amalgieren können und dennoch sie selbst bleiben. Die stilistische Freiheit sowie die durch die Lautsprecher erzeugte besondere Räumlichkeit und die spontane Verwandlung und Bewegung von live gespielten Klängen und Strukturen ist wichtiger Bestandteil dieser im gesamten Erscheinungsbild eher heiteren und festlichen Komposition.
(Thomas Gerwin)

Für die bei der Aufführung zuzuspielenden Soundfiles müssen die Musiker vorher bestimmte Teile auf Band spielen, die dann im Computer weiterbearbeitet werden (Das müssen genau dieselben Musiker sein, die auch bei der Aufführung mitwirken, um eine größtmögliche klangliche Kongruenz und Verschmelzung der Live-Performance und den vom Band zugespielten Klängen zu erzielen). Der Ort der Instrumental-Aufnahmen für die vorproduzierten Zuspielmaterialien muß noch gefunden werden.

Die elektroakustischen Materialien zur Live-Performance werden ansonsten im Computer- Studio des Komponisten inter art project hergestellt.

Uraufführung ist am 13. Dezember 2002 anläßlich der Eröffnung des Neubaus des "Haus der Geschichte Baden-Württemberg" durch Herrn Ministerpräsident Erwin Teufel in Stuttgart. Es erscheint begleitend eine CD.
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